Gegenstand dieses Blogs ist die Geschichte einer nordwestdeutschen Kleinstadt, am Westhang der Bückeberge gelegen (die übrigens nichts mit dem Bückeberg der Nazis zu tun hat!), mit einem weiten Blick nach Westen in Richtung Porta Westfalica. Eine Stadt, deren Stiftskirche mit ihrem hochaufragenden romanischen Westriegel mit der Doppelspitze schon von weitem sichtbar ist, und die dennoch von vielen nicht beachtet wird. Eine typische Kleinstadt könnte man beinahe sagen: Vergessen, verträumt, ohne Zukunft. Aber stimmt das denn? Treffen denn die Vorstellungen von den verträumten, von gesellschaftlichen Umwälzungen abgehängten Kleinstädten überhaupt zu? Seit einem Jahr versuche ich zusammen mit Studierenden der Geschichte dieser kleinen Stadt nachzugehen.
Zwar habe ich mich mit der Geschichte der Stadt im Rahmen meiner Arbeiten zur regionalen Industrialisierung in Schaumburg beschäftigt, aber Kleinstadtgeschichte hatte mich bislang nicht besonders interessiert, eher ländlich/dörfliche Entwicklungen. Insofern bin ich nicht nur manch Vertrautem, sondern auch manch Neuem begegnet.
Was sofort auffällt, sind die teilweise dramatischen Veränderungen und Wandlungen, denen die Stadt im Laufe ihres Bestehens unterworfen war, und auch, wie sehr die Stadt dabei von externen Einflüssen abhängig war. Kleinstadtgeschichte muss nicht langweilig sein, auch nicht weltabgeschieden.
Ein paar Stichworte und wenige Daten zeigen das sehr deutlich:
1167 Klostergründung urkundlich nachgewiesen,
1181 Marktprivileg durch Kaiser Barbarossa, damit hatte die Klostersiedlung eine privilegierte Position in der Regierung, die aber in den folgenden Jahrhunderten durch die schaumburg-lippischen Landesherren immer mehr abgebaut wurde.
1565 dann die Verleihung der Fleckenrechte an den Ort, 1615 folgen die Stadtrechte, wobei die Stadt damit eine vom Landesherrn abhängige Siedlung war.
Dennoch hätte jetzt ein schneller Aufstieg folgen können, lag doch Obernkirchen zentral in der Grafschaft Schaumburg, verfügte über reiche Steinkohlenvorkommen und einen hervorragenden Sandstein.
Der 30jährige Krieg und die folgende Teilung der Grafschaft, bei die Stadt in eine problematische Randlage geriet, kamen dazwischen. Über die folgenden anderthalb Jahrhunderte wissen wir bislang nur wenig.
Dann aber im frühen 19. Jahrhundert nimmt die Stadt einen rapiden Aufschwung, trotz des Fehlens einer Eisenbahnverbindung. Vor allem mit der Steinkohle verfügt Obernkirchen über einen wichtigen Rohstoff der Industrialisierung, der sich direkt am Ort durch die Gründung zweier exportorientierter Glashütten auswirkt. Steinkohle und Glas, dazu der Sandstein sind dann für fast zwei Jahrhunderte tragende Säulen der städtischen Entwicklung und der umliegenden Orte. Kleinstädte als Verlierer der Industrialisierung? Hier ist nichts davon zu sehen. Vielmehr wird Obernkirchen dank seiner Bodenschätze zum Zentrum einer kleinstädtisch-ländlichen Industrialisierung wie wir sie sonst etwa aus dem Saarland kennen.
Was kennzeichnend für diese Industrialisierung war, ist deren Verknüpfung mit externen Märkten. Der Sandstein wurde zwar auch in der Region verarbeitet, seit dem 18. Jahrhundert aber zunehmend über Bremen im Transatlantikhandel verkauft, das seit 1799 produzierte Glas wurde spätestens seit den 1840er Jahren vorwiegend im internationalen Handel abgesetzt. Ohne die überregionalen Märkte hätte der Ort nicht seinen vergleichsweisen starken Aufschwung im 19. Jahrhundert nehmen können.
Durch die Industrialisierung entsteht ein gespaltene Stadtgesellschaft. Hier die bürgerliche Gesellschaft, repräsentiert durch Verwaltungsbeamte (Obernkirchen war u.a. Sitz des Amtsgerichts), Händler und Kaufleute. Dort die in sich keineswegs homogene, aber gut organisierte und sich in der Ablehnung der konservativen Gesellschaft einige Arbeiterbewegung. Zwar bildete sie sich erst in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts heraus - wie auch in anderen Regionen - aber dann war sie um so stärker.
Daran änderte sich auch in der Weimarer Republik nichts. Immerhin ist Obernkirchen der Wirkungsort des einzigen kommunistischen Ministers des Landes Niedersachsen gewesen (Karl Abel). Während in der Endphase der Weimarer Republik sich das bürgerliche Lager den Nationalsozialisten regelrecht ausliefert, bleibt die „proletarische“ Seite geschlossen ihren Parteien treu, der SPD und der KPD.
Undenkbar wäre die Industrialisierung auch ohne den Zuzug von Arbeitsemigranten gewesen, beginnend mit den Glasmachern Anfang des 19. Jahrhunderts, später russischen und italienischen Arbeitern. Es gibt übrigens Hinweise darauf, dass die Geschlechterproportionen dadurch nachhaltig verändert worden sind. Obernkirchen war im 18. und frühen 19. Jahrhundert eine „Stadt der Frauen“ mit einem teilweise deutlichen Frauenüberschuss. Das änderte sich mit der Industrialisierung, als vorrangig junge Männer zuzogen.
Als „Erbe“ der Industrialisierung dominiert die SPD bis heute die Stadt. Aber die ökonomische Basis ist schwächer geworden. Der Bergbau wurde 1960 eingestellt, die Glasindustrie hat in den letzten 15 Jahren schwere Zeiten erlebt, die Sandsteinbrüche bestehen noch, spielen aber für Obernkirchen nur eine untergeordnete Bedeutung, die Firma Bornemann, Hersteller von Spezialpumpen und ursprünglich aus einer Schlosserei hervorgegangen, hat auch ökonomisch zu kämpfen.
Allerdings wäre der Blick auf die Kleinstadt unvollständig, würden nicht auch die umliegenden Dörfer einbezogen. Obernkirchen hatte aufgrund seiner kirchlichen Funktionen einen großen Sprengel, was bedeutete, dass in den umliegenden, zur Stadt eingepfarrten Gemeinden der Gottesdienst und die Seelsorge von der Kleinstadt aus organisiert wurde und zugleich die Schulaufsicht wahrgenommen wurde. Zudem war Obernkirchen für die nächstgelegenen Dörfer auch der zentrale Einkaufsort. Mit der Industrialisierung arbeiteten aber auch immer mehr Einwohner aus den Nachbardörfern in den städtischen Industriebetrieben, insbesondere im Bergbau und der Glasindustrie. So war für das benachbarte Krainhagen in den 1930er Jahren die Glashütte der wichtigste Arbeitgeber. Stadt und umliegende Dörfer waren insofern eng aufeinander bezogen. Das betraf auch die politische Orientierung. Die organisierte Arbeiterbewegung machte vor den Dörfern nicht halt, in manchen konnte in der Endphase der Weimarer Republik die KPD fast genauso viele Stimmen wie die SPD erreichen (im erwähnten Krainhagen sogar mehr!).
Das soll erst einmal zur Einstimmung gewesen sein. Demnächst werden Artikel zu einzelnen Themen folgen. Hier noch ein paar Hinweise:
Die Website des Museums für Bergbau und Stadtgeschichte:
Dort finden sich auch ein paar neuere Artikel von mir.
Eine etwas „bunte“ Seite mit einem guten Überblick zur Stadtgeschichte:
Ein etwas anderer Blog:
Eine ältere, knappe Stadtgeschichte:
Krumsiek, Rolf: Obernkirchen: Chronik einer alten Stadt, o. O. 1981.
Meine ältere Arbeit zur schaumburgischen Industrialisierung:
Schneider, Karl H.: Schaumburg in der Industrialisierung. Teil 2. Von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg., Melle 1995 (Schaumburger Studien 55).
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